Astronomischer Verein Hoyerswerda e.V.


Schwarze Sonne über Europa -
Ein Erlebnisbericht zur totalen Sonnenfinsternis am 11.August 1999

von Peter Lindner


Seit Mitte der 70er Jahre interessiere ich mich für die Astronomie. Meine erste "große" Finsternis war die partielle Sonnenfinsternis vom 29. April 1976. Damals, noch fleißig in der Schule lernend, war das schon ein erhebendes Gefühl und zugleich ein Wunsch, die nächste totale Sonnenfinsternis zu erleben.

Der Blick in die "Kalender für Sternfreunde" und in die "Kleine praktische Astronomie" von Paul Ahnert gehörte von Beginn an genauso dazu wie das Buch von K. Lindner "Astronomie selbst erlebt". Letzteres gab mir auf Seite 91 nüchtern die Auskunft, daß ich mich noch bis zum 11. August 1999 gedulden mußte ! Aber in Gedanken wurden schon erste Pläne geschmiedet und der Beobachtungsort lokalisiert: Der Balaton in Ungarn.

Wie schnell doch die Zeit vergeht. Jetzt im Jahre 1999, wo Deutschland ein Stückchen größer als 1976 geworden ist, kann man die totale SoFi auch von "zu Hause" aus beobachten. Also, ab nach Bayern.


Montag, 09. August 1999 :

Start am Montag. Schnell noch ein "Erinnerungsfoto" mit meinen beiden Töchtern. Das Wetter meinte es Anfang August 1999 gut mit uns, doch sollte sich ausgerechnet zur Sonnenfinsternis das Wetter schlagartig ändern. Möglicher Regen war angesagt. Schnell noch die neuesten Prognosen der Wetterentwicklung entlang der Finsterniszone von Frankreich bis Bulgarien aus dem Internet gezogen, breche ich mit meiner 9jährigen Tochter Katja fröhlich gelaunt nach Bayern auf. Das Wetter ist bombastisch, besser könnte es nicht sein. Aber das dicke Ende sollte wohl noch kommen ...

Zwischenstation wird in einem Landgasthof in der Nähe des Autobahndreiecks Holledau gemacht. Es ist zwar kein 5-Sterne-Hotel, aber dafür bayrisch gemütlich. Wolken ziehen am Abend auf und (Mist !) ... es regnet. Sollte das die Belohnung für fast 25 Jahre Warten sein ? NEIN, wir geben nicht so schnell auf !

Die Zettel mit den Wetterprognosen entlang der Finsterniszone mußten ran. Die hatte ich mir zum Glück kurz vor dem Start zu Hause aus dem Internet "gesaugt". Mensch, irgendwo auf dieser Welt muß doch ein Loch zum Beobachten freibleiben !

Für Süddeutschland schwanden die Hoffnungen zusehens, darum wurde kurzerhand entschieden: Wir fahren nach Ungarn ! Komisch, so hatte ich es eigentlich schon vor 25 Jahren geplant, und jetzt ging das in Erfüllung ?!

Pension Pension Regenprognose aus dem Internet. Wo ist der beste Beobachtungsort?


Dienstag, 10. August 1999 :

Dienstagmorgen wurde erst einmal richtig ausgeschlafen und ausgiebig gefrühstückt. Nichts konnte uns nun aufhalten. Gegen 10.30 Uhr starteten wir bei Regen und grauer Umgebung in Richtung Österreich. Was hatten wir nur verbrochen? Es regnete stundenlang wie aus Gießkannen.

Regen, Regen, Regen ... Regen, Regen, Regen ...

Ahhhhhh, Salzburg ist erreicht, nachdem es um München herum etwas schleppend vorwärts ging. Erinnerungen an unseren Österreichurlaub 1991 werden wach und der Schreck mit der Nachricht: Militärputsch in Rußland ! Gorbi in Arrest auf der Krim! - Und immer wieder Regen, Regen, Regen ...

Am späten Nachmittag erreichen wir den östlichen Teil Österreichs. Die Sonne scheint ab und zu durch die Wolken hindurch, es regnet nicht mehr. Große Freude, sollte die Entscheidung nach Ungarn zu fahren richtig gewesen sein ?!

Die E 66 - "Route 66"

Die Stadt Veszprem - das Ziel unserer Odyssee

Entlang der Europastraße 66 ("Route 66" würde eigentlich besser klingen) fahren wir zielstrebig dem gewünschten Ziel, der Stadt Veszprém, nördlich des Plattensees gelegen, entgegen.

Im Dunkeln nach einem Hotel Ausschau haltend, fallen uns die vielen Touristen auf. Naja, Balaton ist ja Urlaubsgegend, da rennen halt viele Touristen herum. Der Groschen fällt erst am Hotelempfang, als mir mein Gegenüber beibrachte, daß es im gesamten Umkreis kein einziges Hotelzimmer mehr gibt. Jetzt dämmerts auch bei mir. Na klar!!! Die Stadt liegt mitten in der Finsterniszone ! (Der Groschen ist gefallen.) Was soll´s, wird eben im Auto übernachtet. Mit dieser Notvariante hatten wir uns schon zu Hause befaßt und uns entsprechend eingerichtet.

Schlafen im Auto Schlafen im Auto

Gleich dem Hotel gegenüber machten wir eine Pizzeria unsicher und "verschlangen" ein riesengroßes Wagenrad Pizza. So gestärkt zogen wir in die Nacht und suchten uns außerhalb der Stadt ein ruhiges Plätzchen. Etwas gewöhnungsbedürftig war das neue "Bett" á la Autositz schon, dafür wurden wir jedoch von einem fantastischen Sternenhimmel mit den dahinhuschenden Perseiden belohnt ... Das wird bestimmt ein Mittwoch wie im Bilderbuch !!


Mittwoch, 11. August 1999 :

Frühstück vor dem großen Finale

Aufstehen: Zähneputzen mit Mineralwasser, ein eigenartiger Geschmack!

Ein dumpfes Grollen mitten in der Nacht, es ist gegen 5.30 Uhr, durchzuckt unsere Körper: Gewitter! Gerade DAS können wir heute nicht gebrauchen. Die Stimmung fällt ins Bodenlose. Da wir es ohnehin nicht mehr ändern können, drehen wir uns einfach noch einmal um und horchen bis 8.30 Uhr an den "Matrazen". Beim Blick durch die Fensterscheiben sehen wir erst einmal, daß wir bereits gestern Abend unseren idealen Beobachtungsplatz gefunden haben. Die Sonne lacht (noch), fast keine Wolken am Himmel, nur am Horizont ziehen verschämt ein paar Wolken dahin. Was will man mehr? Das verspricht ein super Tag zu werden!!! Die Mühe hatte sich also doch gelohnt.

Nach Katzenwäsche und Zähneputzen mit Mineralwasser (ein komischer Geschmack !) geht es auf Nahrungssuche in den nächstgelegenen Supermarkt. Zurückgekommen wird ausgiebig gefrühstückt und so nebenbei ein Newton 114/500, eine Videokamera, ein Fotoapparat und eine Temperaturmessung im Schatten aufgebaut. Der Feldstecher für die Beobachtung während der Totalität wird bereitgestellt.

Kurz nach 11.00 Uhr MESZ beginnen wir mit unserer Temperaturmessung im Schatten. Ein bißchen Wissenschaft muß schon sein! Bei ca. 26 °C und fast wolkenlosem Himmel läßt es sich aushalten; die Stimmung steigt. Zu Hause ist mieses Wetter. Oje, was werden die vielen Leute in Stuttgart machen?

Der Beginn der totalen Sonnenfinsternis

Nach dem ersten Kontakt gegen 11.28 Uhr konnte man gut verfolgen, wie sich der Mond unabwendbar vor die Sonnenscheibe schob. Und das von Beginn an mit Hilfe der SoFi-Brillen. Fotos werden gemacht, ist doch klar. Man kann bestens beobachten, wie nach und nach die vorhanden Sonnenflecken durch den Mond verdeckt werden.

Das riesengroße Feld füllt sich zusehens mit Menschen und Autos

Von unserem Beobachtungsstandort aus haben wir einen herrlichen Überblick auf ein riesengroßes Feld. Es kommen ständig Autos, die sich auf dem Feld wildverteilt das Schauspiel nicht entgehen lassen möchten. Selbst bei einer kleinen Kirche am Horizont finden sich mindestens 50 Leute ein. Wollen die nun die Sofi beobachten oder flüchten sie im Moment der Totalität in die Kirche?

Die Temperaturmessung erfolgt etwa aller 5 Minuten. Um im Moment der Totalität nicht noch Schreiben zu müssen, hat sich unser Diktiergerät bestens bewährt.

Da das eigentliche Ereignis noch gut 90 Minuten auf sich warten läßt, bastle ich mit meiner Tochter schnell noch eine Lochkamera. Schuhkarton, Butterbrotpapier, Leim und Schere haben wir eigens dafür eingepackt. Und? Es funktionierte tadellos. Die Sonnensichel war etwa 5...6 mm groß.

Natürlich sollten auch die berühmten fliegenden Schatten beobachtet werden. Dazu breiteten wir ein Bettlagen auf dem Boden aus.

Lochkamera Lochkamera mit Abbild der Sonnensichel Der Bettlakenversuch für die fliegenden Schatten

Mit zunehmendem Bedeckungsgrad merkte man, daß es kühler wurde. Die Auswertung des Temperaturverlaufes zeigt dies deutlich. Mit der geringeren Lichteinstrahlung bildeten sich zunehmend Schleierwolken, die jedoch die Beobachtung zunächst nicht weiter störten.

Etwa 20 Minuten vor dem 2. Kontakt fängt irgendwo fürchterlich ein Hund an zu jaulen. Das geht einem durch Mark und Knochen!! Die Wolkenbildung nimmt weiter zu. Die Farben in der Natur verändern sich; sie werden blasser und fahler und sind überhaupt nicht vergleichbar mit einem Sonnenuntergang. Auch die Helligkeit nimmt merklich ab. 5 Minuten vor der Totalität benötigten wir unsere SoFi-Brillen nicht mehr. Durch die Wolkenbildung wird die verbleibende Sonnensichel so stark gedämpft, daß ein ungehindertes Beobachten mit bloßem Auge möglich ist.

Die Sichel ist sehr schmal, es ist erheblich dunkler geworden. Bald ist es soweit. Der Hund hat sein verzweifeltes Jaulen aufgegeben, nützt ja eh nichts.. In der Aufregung haben wir vergessen nach den "Fliegenden Schatten" zu schauen, denn das eigentliche Ereignis zieht uns voll in seinen Bann.

Meine Tochter entdeckt als erste den heraneilenden, dunklen Schattenkegel aus Nordwesten. Die Spannung steigt ins Unermeßliche. Die Videokamera wird noch einmal positioniert und gestartet. Das Diktiergerät wird auf "Dauerlauf" geschalten, um später zu Hause die Impressionen noch einmal erleben zu können.

Wenige Sekunden noch bis zur Totalität. Wir sind beide aufgeregt; ein Schauer läuft mir über den Rücken. Mein Traum wird wahr!!! Es ist beängstigend in zweierlei Hinsicht : Zum einen ist es schon erschreckend, mit welcher Präzision das Ereignis eintrat, zum anderen wurde mir gerade in diesen Sekunden ganz deutlich vor Augen geführt, daß das Wissen um solche Finsternisse ein unwahrscheinliches Machtpotential in früheren Zeiten darstellte.

Perlenschnureffekt ! - Klick - Diamantring (nicht ganz so schön)! - Klick - Und als ob jemand den Lichtschalter auf "AUS" stellte, hat uns der Schattenkegel "überrannt". Es ist dunkel wie in einer helleren Vollmondnacht, die Grillen zirpsen. Mit einem kurzen Blick wird die Temperatur abgelesen.

Fantastisch !!! Die Korona wird sichtbar. Im ersten Moment weiß ich nicht was ich als erstes machen soll: Sollte ich laut "Juhuhhh" schreien oder vor Glück heulen? Ich habe mich für das erstere entschieden. Auch von dem großen Feld tönen "Juhuhhh"- und "Ahhh"-Ausbrüche herüber, Beifall wird spontan geklatscht, die Begeisterung kennt keine Grenzen. Fledermäuse fliegen vorbei.

Schnell werden einige Fotos "geknipst", ohne zu wissen, welche Belichtungszeit ich eingestellt hatte. Die Wolkendecke war nun ganz schön dicht, jedoch schien die Korona zum Glück hindurch. Überwältigt von dem Ereignis vergaß ich den Feldstecher in die Hand zu nehmen und mir die Korona etwas näher anzusehen. "Da ist sogar 'was rotes !" rief meine Tochter. Protuberanzen! Ein phantastischer Anblick!

Am Horizont ringsherum war alles hell, über uns war alles dunkel. Schon ein merkwürdiger Anblick. Sirius wurde über dem Südwesthorizont sichtbar. Schnell noch 'mal die Temperatur abgelesen. Nach Merkur und Venus suchte ich erst gar nicht, denn da waren die Schleierwolken zu dicht.

Und innerlich kommt die Befriedigung hoch: Die Fahrt hierher hatte sich voll gelohnt. Zwar waren wir nicht ganz exakt auf der Totalitätslinie, aber mit 2 min 15 sec (von 2 min 22 sec) kann man voll zufrieden sein. Uns kam die Zeit der Totalitäüt sowieso viel zu kurz vor (wem nicht?).

Der 3. Kontakt war nun fällig. Und da, ein Diamantring wie aus dem Bilderbuch, der in eine wunderschöne Perlenschnur überging. Was für eine Belohnung für den weiten Weg ...

Temperaturverlauf während der Sonnenfinsternis

Die Grillen verstummen, dafür ist der Hund mit seinem Gejaule wieder aktiv. Wir haben den Eindruck, daß es wesentlich rascher heller wird - eine optische Täuschung? Je mehr der Mond die Sonne wieder freigibt, desto rascher verschwinden die Wölkchen. Die Auswertung der Temperatur erbrachte eine Absenkung um etwa 6 °C, nun steigt sie wieder allmählig an.

Die ersten Autos vom Feld treten die Heimreise an. Wir beobachten weiterhin die Sonnenfinsternis bis zum 4. Kontakt und schwärmen ständig von der Totalitätsphase, der Korona und den Protuberanzen. Voller Begeisterung verfolgen wir die Temperaturen bis zur Abreise. Ein kurzer Anruf zu Hause mit begeisternder Schilderung der Totalitätsphase folgte.

14:13 Uhr. Nun hieß es Abschied nehmen, vielleicht bis zum einem erneuten Besuch als Urlauber. Die Fahrt führte uns über Slowakien und Tschechien zurück in die Heimat. Kurz nach Mitternacht trafen wir in Hoyerswerda ein.

In unseren Erinnerungen werden wir noch öfters an unsere beeindruckenden Erlebnissen zurückdenken. Nun kann ich auch alle verstehen die behaupten: Wer einmal eine totale Sonnenfinsternis erlebt hat, den packt es immer wieder, und er fährt zur nächsten totalen Sonnenfinsternis.



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Last Update : 02.01.2014